Schroffe Felsen, einsame Täler und verlassene Landschaften: Der Süden Frankreichs ist wie geschaffen für Enduro-Fahrer, die neben dem Kick im Gelände ein Gespür für die Kultur des Landes haben und auch die kulinarischen Erlebnisse nicht verachten.
Es dauert ein paar Sekunden, bis sich die Wolke verzieht. Zögerlich tauchen die Konturen des Gebäudes auf, dann die Fenster, schließlich die alten Mauern. Gerade sind drei Motorräder an der Eremitage vorbeigefahren. Sind um die Kurve gedriftet und haben dabei mit ihren groben Stollenreifen gehörig Staub aufgewirbelt. Und der verzieht sich an diesem ruhigen Herbsttag im Süden Frankreichs eben nicht so schnell.
Jochen, Bernhard und Frank wollen ein Kontrastprogramm der Elemente unter die Räder nehmen: das weiche Wasser eines einsamen Flusstals und die harten Felsen der Garrigues, jener für den Mittelmeerraum typischen Landschaft, die im Frühling riecht wie ein Bund frischer Gewürzkräuter, jetzt im Herbst aber, nach einem langen trockenen Sommer, nach dem Winterregen dürstet.
Nun also Flusskiesel und Sand, Morast und Wasser – für das Geländefahrer-Trio die Erfüllung feuchter Träume. Doch bevor Tropfen fliegen werden, nehmen die Drei erst einmal das Terrain in Augenschein. Tief hat sich im Laufe der Jahrtausende die Cèze hier in das Kalkgestein gefressen. Bäume und Felsen säumen das Ufer des Flusses, der kaum noch seinen Namen verdient. Es hat wenig geregnet. Und das bisschen Nass, das vom Himmel kam, ist im porösen Untergrund versickert. Zu welchen Wunderwerken es fähig ist, sollte später noch deutlich werden.
Für die Offroader bietet der niedrige Wasserstand ideale Bedingungen. Mit einem Druck auf den Starter werden die Enduros wieder angelassen. Der Klang der Motoren hallt sanft von den Felswänden zurück. Ein Vogel fühlt sich gestört und sucht sich einen neuen Baum ein Stück flussabwärts. Frank gibt als erster Gas und testet die Passage durch den Wasserlauf. Gummi zerteilt das Wasser, ein Schwall in der Sonne funkelnder Tropfen spritzt auf. Kurz darauf hat er das andere Ufer erreicht. Dampf steigt von den Krümmern auf. Kurz hintereinander queren auch Bernhard und Jochen den Fluss. Wieder. Und wieder. „Klasse Sache“, sagt Frank und blickt zurück. Ein Bad nimmt niemand. Wäre auch angesichts der mittlerweile kühlen Herbstnächte eine nicht unbedingt willkommene Erfrischung.
Doch nicht jede Fahrt gelingt. Viele der von der Kraft des Wassers rund gewaschenen Flusskiesel haben einen Belag sattgrüner Algen. Und die geben dem Gummi der Reifen nicht genug Halt. Frank versucht einen Wheelie im Wasser, gibt jedoch nach drei Versuchen auf. „Ist zu glatt“, sagt er und schiebt die Maschine auf den Ständer. Pause. Wassertropfen stehen auf seinem Helm, perlen ihm über die leicht geröteten Wangen hinunter.
Goldsuche
Ein paar Kanus sind am Ufer unter einem Felsdach vertäut. Für Paddeltouren durch die Schlucht ist der Wasserstand zu niedrig. Berühmt für Kanutouren ist die Ardèche-Schlucht ein Stück weiter im Norden. Böse Zungen behaupten, man könne bisweilen den Fluss trockenen Fußes überqueren, indem man von Boot zu Boot springt. Solchen Massentourismus kennt man an der Cèze und ihren Nebenflüssen nicht. Kein Mensch ist an diesem Nachmittag in der Schlucht zu sehen. Und Plätze wie diesen gibt es viele in dieser Region, die bisweilen nicht nur sehr menschenleer wirken kann, sondern es auch ist.
Der südfranzösische Männer-Spielplatz in der Cèze-Schlucht hat sogar eine weitere Attraktion: einen überdimensionalen Sandkasten. Frank schwingt sich in den Sattel seiner Maschine und beginnt, das Geländer umzugraben. Runde um Runde dreht er, die Reifen immer tiefer im Untergrund vergrabend, bis das Vorderrad vorne wegdriftet und der Pilot im weichen Sand liegt.
Frank findet sein Vergnügen, aber keinen Reichtum. Wobei das nicht auszuschließen wäre. Denn im Sand, dass die Cèze auf ihrem Weg vom Zentralmassiv bis hinunter zur Rhone ablagert, wurde Gold gefunden. Schon in der Antike nahmen Goldsucher Sandkörner in Augenschein, um das funkelnde Edelmetall zu finden. Auch der glorreiche Cäsar wusste davon. Über ein halbes Kilogramm wog der größte Klumpen, der hier jemals gefunden worden war. Das ist zwar schon weit über 100 Jahre her, aber wer weiß, welche Überraschungen der Fluss noch bereithält?
Kräuterduft und Knoblauch
Die auf dem Trockenen liegenden Boote sind ideal für eine Rast. Doch etwas Entscheidendes fehlt: Essen. Wenige Minuten später sind die Drei wieder auf dem Feldweg, Kurs Zivilisation. War da nicht ein Ort in der Nähe? Die Glocke an der Kirchturmuhr schlägt zwölf, als sie über die Hauptstraße, die gleichzeitig auch die einzige Straße ist, in das Dorf kommen. Der Magen knurrt. Es ist Sonntag. Der Bäcker in dem kleinen Ort hat geschlossen. Der Metzger auch. Der Magen knurrt immer noch. Die kleine Kneipe an der Hauptstraße sieht nicht sonderlich vertrauens-erweckend aus. Was, wenn die Küche genau so heruntergekommen ist wie das Äußere des Hauses?
Sie wagen es, nehmen auf wackligen Stühlen Platz. Ein junger Franzose wirft einen Euro in einen der Spielautomaten an der Wand, die Maschine rattert los. In der Küche wird in der Pfanne geklappert. Das Essen! Kurz darauf balanciert die Bedienung drei prall gefüllte Teller mit Käseomelette und Bratkartoffeln an die Tische. Es duftet nach Kräutern und Knoblauch. Zugegeben: Das ist nicht die Haute Cuisine – aber es schmeckt lecker und vor allem: Man wird satt. Und diesen Vorzug hat nicht jedes Vielsterne-Restaurant …
Beim Espresso dröhnen zwei weitere Offroad-Vehikel heran. Die Yamahas sind vermutlich etwa so alt wie ihre Fahrer. Und ob die schon im führerscheinfähigen Alter sind, sei dahingestellt. Aber sie haben einen guten Tipp. „Ein paar Kilometer vom Ort entfernt gibt es ein tolles Enduro-Trainingsgelände“, sagen sie und zischen mit einem Baguette im Rucksack von dannen. Das wäre doch noch etwas für den Nachmittag! Das Trio zahlt und macht sich auf die Suche. Nicht immer war das Französisch leicht zu verstehen und vor allem zu übersetzen. Aber es wäre doch gelacht …
Spuren im Sand
… wenn die Jumps und Auffahrten gleich gefunden werden könnten. Der erste Versuch auf einem Feldweg, der selbst schon gewisse Offroadfertigkeiten verlangt, endet im dornigen Gesträuch der Garrigues, der zweite vor einer Felswand. „Dort drüben fahren sie“, sagt Frank und zeigt auf die andere Seite des Tälchens, in dem nach einem Regen vielleicht sogar ein Bach fließen könnte.
Also hoppeln die Gefährte wenig später über kopfgroße Felsblöcke, durch tiefe, von Traktoren gezogene Rinnen mitten hinein in die südfranzösische Wildnis. Doch Spuren von Stollenreifen lassen vermuten, dass das die richtige Zufahrt ist. Und tatsächlich! Das Enduro-Trainingsgelände entpuppt sich als eine mit losem Gestrüpp bewachsene Felslandschaft, in die Wind und Wasser Terrassen modelliert haben. „Klasse“ sagt Bernhard und blinzelt in die Sonne, nimmt noch einen Schluck aus der Wasserflasche und setzt den Helm wieder auf.
Vorsichtig lenkt er die leichte Maschine über eine Kante, um dann steil nach unten zu rollen. Die Bremsen greifen, die Räder blockieren, um dann mit einem leichten Dreh am Gasgriff wieder Vortrieb zu geben. Ob das auch in die andere Richtung funktioniert?
Bernhard sucht sich seine Spur durch die Rinnen, die das Wasser freigespült hat. Kuppelt wieder ein, beschleunigt, geht aus dem Sattel und zieht souverän den Steilhang hinauf, um oben an der Kante etwas abzuheben, bevor er auf ebenem Terrain zum Stehen kommt. „Das geht auch schneller“, sagt er und freut sich ebenso wie Jochen und Frank auf Luftsprünge.
Bei soviel Fahrspaß gerät die Zeit in Vergessenheit. Die Tage sind kurz, die Sonne steht schon am Horizont und verzaubert die karge Landschaft mit ihren roten Strahlen, als der Weg in Richtung Unterkunft eingeschlagen wird. Bei einem Glas Rotwein wird der kommende Tag verplant. Und der soll völlig neue Eindrücke bringen.
Die Macht des Windes
Doch der Süden Frankreichs ist einfach zu schade, um nur im Gelände unterwegs zu sein. Montclus, ein alter Hugenottenort mi Norden des Departments Gard mit prächtig restaurierten Häusern, aber auch zerbröselnden Fassaden, ist so ein Platz, der einen Besuch lohnt. Oder auch der Guidon du Bouquet, ein Berg, der sich mit seinen knapp 630 Metern Höhe weit über die Umgebung erhebt, quasi ein Vorposten der Cevennen im Rhone-Tal ist. „An klaren Tagen kann man hier bis zum Mont Ventoux blicken“, sagt ein Wanderer, der gerade aus der kleinen Kapelle am Gipfel hervortritt. Nachteil dieser Ausgesetztheit: Manchmal bläst der Wind auf dem Gipfel so stark, dass man meinen möchte, der Berg wolle sein Haupt von den Besuchern befreien. So auch an diesem Tag, an dem der Mistral mit Urgewalt durch das Rhonetal fegt und jede Pause auf einige Minuten beschränkt.
Und auch der löchrige Untergrund bietet sich an heißen oder auch regnerischen Tagen an. Der Weg in eine diesmal gewaltige, fast schon Ehrfurcht einflößende Stille führt über 800 Stufen und steil hinab in die Unterwelt. „Die Aven d´Orgnac gehört zu den schönsten Höhlen in Frankreich, vielleicht sogar in der Welt“, sagt Joel voller Überzeugung. Der Höhlenführer hat nicht übertrieben. Es ist eine Märchenlandschaft. Viele Meter hohe Tropfensteine stehen in dem gewaltigen, fußballfeldgroßen Saal, andere hängen von der Decke herunter. Manche erinnern an schlichte, aufeinandergestapelte Pfannkuchen, andere an Fabelwesen aus tausendundeiner Nacht.
Irgendwo sind Wassertropfen zu hören, die sich durch die Spalten im Erdreich kämpfen, dann diese Gestalten schaffen. Sie stehen symbolisch für eine Gegend, die mit Wasser und Fels zwei völlig gegensätzliche Elemente in sich vereint – und bei der es neben spannenden Enduroabenteuern viel zu entdecken gibt.
Von Thomas Krämer (Text & Fotos)
Informationen zu On- und Offroad-Touren in Frankreich bei: Endurofun Tours, Postfach 43, 25710 Burg / Dithmarschen, Tel.: 0049 - 0 48 25 / 16 95, info@endurofuntours.com