Im Land der aufgehenden Sonne
Irgendwie hatte ich Japan so gar nicht auf meiner Reiseliste. Ein Land, dessen Sprache ich so überhaupt nicht sprechen, lesen oder verstehen kann. Die Auflösung vorweg, es ist mir selten so einfach gefallen, in ein fremdes Land einzutauchen.
Ich schrecke aus dem Schlaf und muss mich kurz orientieren. Wo bin ich? Ach ja, in Japan. Aber warum bin ich schon in der Morgendämmerung aufgewacht? Und wer rüttelt am Zelt? Erdbeben? ERDBEBEN!! Den Schlafsack aufziehen und aus dem Zelt springen sind fast eine Bewegung. Und wirklich, der sonst so feste Boden schwankt leicht und bringt meinen Gleichgewichtssinn durcheinander. Nicht nur vor Schreck ist mir flau im Magen. Die BMW steht zum Glück noch senkrecht. Und meine direkte Umgebung scheint weiterhin friedlich. Die Bäume stehen immer noch in den Wäldern, die Häuser scheinen intakt, keine Sirenen heulen, keine Menschen laufen panisch auf die Straße. An Schlaf ist aber trotzdem jetzt nicht mehr zu denken. Also packe ich zusammen, die Tasche auf das Mototorrad und fahre zum Frühstücken. „Kon'nichiwa“, tönt es mir laut entgegen, wie jedes Mal, wenn ich einen Einkaufsmarkt wie Seven-11, Family-Mart oder Lawson betrete. Vermutlich sehe ich noch etwas blass um die Nase aus, jedenfalls fragt mich Verkäufer Akio hinter dem Tresen, ob ich einen starken Kaffee benötige. Den kann ich jetzt wirklich brauchen. Heute früh hätte es nur ein kleines Beben gegeben, darüber würde sich keiner aufregen, beruhigt er mich. Er sei Student und verdient sich hier als Aushilfe während der Nachtschichten etwas Geld. Er hätte eine Zeit lang in Amerika gelebt. Das erklärt, warum er recht fließend Englisch spricht. Denn obwohl Japan ein hochtechnisiertes und westlich orientiertes Land ist, können erstaunlich wenige Japaner wirklich die englische Sprache sprechen. Fremdsprachen würden in der Schule eher theoretisch, weniger praktisch unterrichtet, erklärt mir Akio. Doch bisher kam ich mit meinen Englisch-Kenntnissen und Übersetzungs-Apps auf dem Mobiltelefon ganz gut zurecht. Und natürlich mit einigen Brocken Japanisch. Wie zum Beispiel „Kon'nichiwa“, was „Guten Tag“ bedeutet. Das Ganze garniert mit einer Verbeugung macht gerade als Gaijin, als Ausländer, einen höflichen Eindruck.

Begonnen hatte unsere Reise in Tokio, am Flughafen in Narita. Der Taxifahrer zum vorgebuchten Airbnb begrüßte uns, meine jung-erwachsene Kinder, deren Freundin und mich, mit tiefer Verbeugung. Adresse auf der Buchungsbestätigung per Mobiltelefon gezeigt, Preis gecheckt, alles kein Problem. Per Übersetzungsapp teilte er uns mit, dass es einen Stau geben wird. Wir sollen uns aber keine Sorgen machen, der Fahrpreis sei eine Flatrate. Auf den 60 Kilometern in die Stadt hatten wir Zeit und Muße etwas anzukommen.

Der Linksverkehr läuft entspannt dahin, wie überall auf der Welt scheinen Taxifahrer die zügigsten zu sein. Insbesondere an den Mautstationen. Ohne den Fuß vom Gas zu nehmen, hält der Fahrer auf die geschlossene Schranke zu. Während ich schon auf dem imaginären Bremspedal stehe, zuckt die Schranke nur wenige Meter vor der Fahrzeugfront in die Höhe. Uff, das nenne ich Vertrauen in die digitale Abbuchung. Unser Quartier liegt im Stadtteil Shinyuku in einem kleinen einstöckigen Holzhaus. Während wir uns einrichten, kommt unsere Freundin Akane vorbei. Sie studiert in Tokio und wird uns in den ersten Tagen durch die Stadt führen. Erste Hürde, die U-Bahn in Tokio. Fahrkarten gibt es nur noch als Chipkarte. Und punkt- und minutengenau stoppen die U-Bahnen an den Schranken am Bahnsteig. Akane führt uns durch das quirlige In-Viertel von Shibuya mit den Clubs, den Modeläden und Themen-Cafés, wo du mit Eulen, Hunden, Katzen, Leguanen oder Snoopy deine Getränke genießen kannst. Oder die YouTube-bekannte Kreuzung direkt am U-Bahnhof Shibuya, auf der es eine allseitige Grünphase für Fußgänger gibt. Also strömen mit einem Mal Hunderte Fußgänger und Touristen über die Kreuzung. Zwischen den riesigen Hochhäusern in Minato kann man sich auch in Shinyuku zwischen den winzigen Häusern und verwinkelten Straßen verirren. Die weiten, gepflegten Parks, bieten Ruhepole zwischen dem Verkehr. Wenn nicht das Tokio-Oktoberfest stattfindet. Als gebürtige Münchner zucken wir zusammen, wenn Japaner mit 0,3-Liter-„Maßkrügen“ sich zuprosten und „Oans, zwoa, g’suffa“ singen. Und das Ganze neben dem Kaiserpalast.
Wir können unser Wohnmobil bei Japan Campers in Narita, in der Nähe des Flughafens abholen. Eine kurze Einweisung durch Michael, der sehr gut Englisch spricht, und wir sind „on the road“. Mit an Bord ein Tablett-Computer mit dem hauseigenen Google-Maps-Programm und den tausenden, vorprogrammierten Sehenswürdigkeiten, Stellplätze und Einkaufsmöglichkeiten. Unser erstes Ziel muss natürlich der Fuji-San, der heilige Berg, sein. Doch dazu müssen wir quer durch Tokio, die vermutlich größte Metropolregion der Welt. Am schnellsten geht das auf den mautpflichtigen Highways. Der Yamate-Tunnel verschluckt uns. In rund 40 Meter Tiefe untergräbt der Tunnel auf über 18 Kilometer Länge in einem Erdbebengebiet Hochhäuser, U-Bahnen, Fluss und Meeresbucht. Die Ausfahrt gestaltet sich nicht als profane Rampe, sondern wendelt sich in vier 360 Grad Kurven an die Oberfläche, bis wir im zehnten Stockwerk auf einer Autobahn zwischen den Hochhäusern ausgespuckt werden. Vor uns die Autobahn in der Hochhausschlucht, unter uns noch drei Ebenen mit Autobahnen. Wahnsinn. Der Linksverkehr läuft trotz der Verkehrsdichte völlig entspannt. Einfahren auf die Autobahn oder Spurwechsel, einfach blinken und einfädeln. Kein Stress.

Unser Camper, ein Toyota Camroad, ist trotz Wohnkabine und Alkoven ausreichend handlich und wendig für die zum Teil schmalen, japanische Straßen. Für japanische Verhältnisse ist unser Wohnmobil sehr groß, bietet uns vier europäisch-erwachsenen Personen ausreichend Platz. Für europäische Verhältnisse hingegen erscheint die Ausstattung dafür spartanisch, denn außer einem Kühlschrank und Waschbecken finden wir keine Nasszelle. Der Herd ist ein mobiler Gaskocher. Im Laufe der Reise werden wir jedoch merken, dass die Infrastruktur in Japan mehr Ausstattung als fast unnötigen Luxus erscheinen lässt. Denn flächendeckend finden wir, auch für europäische Verhältnisse, unglaublich saubere Toiletten vor. Nicht nur an den Gratis-Stellplätzen für unser Wohnmobil, sondern auch an den Raststationen der Autobahnen, noch dazu kostenlos. Wenn man dabei an die Zustände an deutschen Autobahnen denkt. Zusätzlich bieten große Lebensmittelketten, wie 7-Eleven, Family Mart und Lawson, ebenso flächendeckend saubere und kostenlose Toiletten an. Reglementierte und kostenpflichtige WCs in Restaurants, wie in Deutschland nicht unüblich, widersprechen der Gastfreundschaft und Höflichkeit der Japaner.
Wesentlich touristischer jedoch geht es ein paar Kilometer weiter am Itsukushima-Schrein auf der Insel Miyajima zu. Der sechsbeinige, leuchtend rote Torbogen, ein Torii, scheint im Wasser zu schweben und kann bei Ebbe zu Fuß besucht werden. Was bei vielen Besuchern für nasse Füße und, besonders bei den weiblichen Gästen, für aufgeregtes Kichern und Gelächter sorgte. Natürlich dürfen die Selfies für Instagram nicht fehlen. Abseits des zugegeben beeindruckenden Schreins finden wir auf der Insel versteckte Winkel, einsame Ecken und lauschige Gärten. Und nun stehen wir auf dem Sandstrand in Izumo und sehe Richtung koreanische Halbinsel. Es ist ruhig und friedlich, die Stadt duckt sich hinter einem Deich mit Betonmauer. Das ist uns schon früher aufgefallen, in Japan verstecken sich wunderschöne Sandstrände, die anderswo auf der Welt mit Cafés und Bars zum „Dolce Vita“ einladen würden, hinter Barrieren. Wir mutmaßen die permanente Gefahr eines Tsunamis dahinter. Die weitere Küstenstraße, vorbei an den riesigen, fast weißen Sanddünen von Tottori, braucht den Vergleich mit berühmteren Küstenstraßen nicht zu scheuen.

Atemberaubende Ausblicke, steilste Klippen, in winzige Buchten gebaute Dörfer, engste Straßen, verschwiegene Klöster und Schreine, die mit ihrer meditativen Stimmung zum Innehalten anregen, Japan bietet uns eine spannende Auswahl. An einem Abend gehen wir einer Empfehlung nach in einem kleinen Küstenort zum Sushi-Essen. Als wir die winzige Wirtschaft betreten, sind wir die einzigen Nicht-Japaner im Raum. Wirt und Koch Kenshin fühlt sich geehrt und bereitet die Platte mit Sushi-Rollen und Fisch vor unseren Augen frisch zu. Ich bin eigentlich nicht so der Fisch-Fan, noch dazu roh, aber was uns hier aufgetischt wird, erreicht ein außergewöhnlich hohes Niveau. Festes, knackiges Fleisch, völlig geruchsneutral, nach See, also salzig, schmeckend. Dazu Reisrollen mit frischem Gemüse, hochwertige Saucen von Soja und andere exotischen Ingredienzien. Als mein Sohn per Übersetzungs-App unsere Hochachtung zum Ausdruck bringt, strahlt Koch Kenshin über alle Ohren. Als Abschluss gönnen wir uns einen Becher warmen Sake-Wein. Zum Glück erreichen wir unser Wohnmobil und Nachtquartier zu Fuß.


Zu Fuß erreichen wir einige Tage später die auf dem Gipfelplateau des Berges Shiroyama gelegenen Takeda Burgruine. Der 45-minütige Aufstieg gestaltet sich einfach, die meiste Strecke auf einer asphaltierten Straße, auf der auch der Shuttlebus verkehrt. Erst im oberen Teil wird der Weg steiler und über Treppen erreichen wir die Ruinen am Gipfel. Die atemberaubende Aussicht hatte großen strategischen Wert, erklärt uns Ichiro, der sich als Aufseher etwas zu seiner Rente verdient. Hier am Knotenpunkt von drei Tälern wäre der Warenverkehr aus Tokio, Kyoto und Osaka kontrolliert worden. Und natürlich unterhalten wir uns über das Woher und Wohin. Er möchte unbedingt wissen, wie man sich in unserem Heimatland in Bayern begrüßt. Es kann also vorkommen, dass nun Touristen mit dem bayerischen „Servus“ in Takeda Castle empfangen werden.
Tausend orange-rote Torbögen und hunderte Touristen empfangen uns im Fushimi Inari-Taisha Schrein in Kyoto. Doch je weiter man bergauf kommt, desto weniger Menschen nehmen die Anstrengungen auf sich. Rund eineinhalb Stunden dauert der Aufstieg, fast komplett unter den roten Torbögen. Unterbrochen wird der Weg von zahlreichen Schreinen und Gedenkstätten. Wie so oft, beispielsweise auch im Kaiserpalast in Kyoto, wächst der Wunsch, mehr von der japanischen Kultur, Geschichte und Leben verstehen zu können.

Dem Trubel an dem berühmten Arashiyama Bambuswald bei Kyoto entgehen wir, indem wir bei Kurayoshi einen solchen entlang einer aufgelassenen Bahnstrecke entdecken. Ganz alleine können wir den Bambuswald erleben. Wobei Wald für die den Gräsern zugeordnete Pflanze wissenschaftlich nicht korrekt erscheint. Diese Kategorisierung stimmt hingegen bei der riesige japanischen Redwood-Allee auf dem Weg zum Togakushi-Schrein in Okusha.
Wir biegen wieder ab in die Berge, die uns so an die Alpen erinnern. Enge, verwinkelte und steile Bergstraßen, enge Schluchten, Steilhänge, oft mit dichtem Wald bewachsen und am Horizont schneebedeckte Felsgipfel. In den Berge bei Kamikochi wird vor Bären gewarnt und in das Okuhida Onsen eingeladen. Wir sind durch vorherige Besuche mit den Gepflogenheiten eines Onsens, des japanischen Thermalbades, vertraut. Doch hier sind wir völlig alleine. Nach Geschlechtern getrennt reinigen wir uns erst im Sitzen, dann entspannen wir im heißen, leicht nach Schwefel riechenden Wasser. Wunderbar. Danach sind wir tiefenentspannt, werfen noch das Eintrittsgeld in die Holzbox, und besichtigen das kleine Museumsdorf. Und hier in der Landschaft, die unseren Alpen so ähnlich erscheint, jeglicher Reisestress von uns abfällt, übergeben wir ein kleines Geschenk an einem heiligen Schrein, dass wir von Unfällen, Erbeben und Tsunamis verschont geblieben sind. Zurück in Tokio verbringen die Kids die Zeit bei unserer Freundin, während ich ein Motorrad übernehme. Doch irgendwie bin ich froh, als Tom, eigentlich heißt er Tomohiko, von BMW Japan mir die R1250 R mit einem Lächeln übergibt und ich der Riesenstadt entfliehen kann. In Nagano biege ich in die Berge ab und folge der gut ausgebauten Passstraße vorbei an der Touristenattraktion der Schneeaffen im warmen Wasser. Diese haben wohl die Wasserbecken eines Onsens, eine heiße Quelle, entdeckt und kommen vor allem im Winter regelmäßig zum Baden. Doch die Passstraße reizt mehr. Eine Kehre dreht sich im dichten Wald um 360 Grad, eine andere ragt mit einer Brückenkonstruktion weit über das Tal. Die Landschaft verändert sich. Laubbäume, japanischer Ahorn und Buchen, werden seltener, Nadelbäume, Pinien, Lärchen und Zedern überwiegen. Und es wird Zeit, ein Quartier zu suchen. Das Hotel am Kido-Ike See wird renoviert, doch Hana spricht mich an. „Ja, klar, komm zu mir, wir haben Platz“, versichert sie. Und fährt mit ihrem Van einen heißen Reifen vor. Zum ersten Mal übernachte ich in einem japanischen Skihotel im Shiga Kogen Nationalpark. Direkt an der Piste und Lift gelegen, bin ich der einzige Gast. Sohn Yuri erklärt mir, wie man ein japanisches Bett herrichtet. Futon ausrollen, Laken, Decke und Polster auslegen, fertig. Ich schlafe tief und fest.
Der nächste Tag empfängt mich mit Nieselregen, schade. Die Passstraße führt mich nämlich zum höchsten anfahrbaren Punkt Japans, zum Shibu-Pass in 2172 Meter Höhe, und die Aussicht soll fantastisch sein. Meine Sicht gestaltet sich eher beschränkt aber dramatisch. Nebelfetzen ziehen über Grate und Almwiesen, zwischen Erdspalten steigen Dampfwolken auf. Die Passstraße ist nass und rutschig. Statt Leitplanken sichern Drahtseile die Straßenränder. Im Sturzfall keine beruhigende Perspektive. Je tiefer ich komme, desto dichter wird der Wald. Es riecht nach Schwefel, die Felsen am Straßenrand wechseln zu einer gelben Farbe. Kein Zweifel, ich bin in einem vulkanisch aktiven Gebiet unterwegs. Einige Kilometer weiter, in Matsumoto, bin ich auf der Suche nach einem Parkplatz und Fotospot vor dem berühmten „schwarzen Schloss“. Ob ich die BMW kurz in der Zufahrt abstellen kann, um ein Foto zu machen, frage ich die Security-Mitarbeiter. Selbstverständlich, ist die Antwort. Wir kommen ins Reden, woher, wohin. Dann kommt der Chef. Ich erwarte schon Ärger, doch er ist einfach nur neugierig. Als ich erzähle, dass ich aus Deutschland, aus Bayern, komme, fallen sofort die Begriffe FC Bayern München, Beckenbauer, Oktoberfest, Bier. Und Schloss Neuschwanstein kennen sie alle. Ich kann das Motorrad am Ticketschalter parken, sie würden darauf aufpassen. Die Burg, die aufgrund der schwarzen Farbe und den geflügelten Dächern auch als Krähenburg bezeichnet wird, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Im Burggraben schwimmen riesige Koi-Karpfen und erwarten von jedem Gesicht, das ins Wasser schaut, Futter.

Da es anfängt, leicht zu regnen, stellt sich die Frage, wo möchte ich übernachten? Diese Frage beantwortet nach einem Telefonat Hideaki, in dessen Kaffeehaus ich Pause mache. Er hat in Kiso im Hotel Onyado Tsutaya ein Zimmer für mich reserviert. In diesem japanischen Gasthaus, ein Ryokan, legt man Wert auf Traditionen. Der Gast wird mit einer tiefen Verbeugung begrüßt und bekommt kostenlos Tee oder kalte Getränke angeboten. In der Lounge steht eine Samurai-Rüstung, die Einrichtung ist gediegen in dunklem Holz mit glänzendem Lack gehalten. Und das Hotel verfügt über einen hauseigene Onsen. Der Begriff Onsen kann mit heißer Quelle übersetzt werden. Nach Geschlecht getrennt und ausgiebiger Körperreinigung, im Sitzen, Duschen sind in Japan nicht verbreitet, wird gemeinsam in heißem Wasser entspannt. Diese Onsen findet man fast überall in Japan, auch ein Vorteil der vulkanischen Geologie. Die charmante und attraktive Rezeptionistin Mase gibt mir den Tipp, dass am Abend in der Stadt ein Straßenfest stattfindet. Hier trifft sich das ganze Dorf bei Essen, Ratschen und Spielen. Taiko-Trommelspieler lassen mein Zwerchfell und den Solar Plexus vibrieren. Ich lerne Masaharu und seine Mutter Yoko kennen. Masaharu lebte mehrere Jahre in Seattle, daher fällt die Konversation leicht. Er ist fasziniert, dass in Deutschland kein allgemeines Tempolimit existiert. „Bist du schon mal mit dem Motorrad 200 km/h gefahren“, lautet seine Frage und ist bei meiner bejahenden Antwort schwer beeindruckt. Yoko schließt mich in ihr Herz und schenkt mir zum Abschied mit Einlegearbeit verzierte Essstäbchen. Meine Fahrt führt mich an die ruhige Westküste mit Küstenstraßen, die den Vergleich mit anderen, wesentlich berühmteren Panoramastraßen absolut nicht scheuen müssen. Atemberaubende Ausblicke, steilste Klippen, in winzige Buchten gebaute Dörfer, engste Straßen, verschwiegene Klöster und Schreine, die mit ihrer meditativen Stimmung zum Innehalten anregen, Japan bietet mir eine spannende Auswahl. Dazu in Tottori hohe Dünen mit feinstem, heißem Sand. Ich komme an einer Polizeistation vorbei, in deren Hof Motorradstaffelanwärter Ichiro trainiert. Mit den Anweisungen von Ausbilder Masahiro klappt das Langsamfahren mit der schwereren Honda CB 1300 schon ganz gut. Für einen kurze Unterhaltung unterbrechen sie das Training gerne. Wir fachsimpeln über unsere Motorräder, das Motorradfahren und den Verkehr im Allgemeinen. Für uns drei, insbesondere dem verschwitzten Ichiro, eine willkommene Pause. Die Großstädte Kyoto, Osaka und Kobe gehen nahtlos in einander über und bilden eine riesige Metropole. Perfekt zum Falschabbiegen und Verirren. Doch GPS sei Dank, ich finde wieder aus dem Moloch. In Kobe, berühmt für die Fleischqualität, leiste ich mir ein Rindersteak Wagyu A5. Mein Koch verbeugt sich tief vor mir, rollt die Tasche mit seinen Messern aus und beginnt das marmorierte Fleisch am Tresen vor meinen Augen zu braten. Auf den Punkt genau bekomme ich die zartrosa Fleischstücke zusammen mit gebratenem Gemüse serviert. Als Ausländer kann ich zwischen westlichem Besteck und Haschi, also Essstäbchen, wählen. Natürlich entscheide ich mich für die Chopsticks und liege richtig. Für dieses Fleisch benötige ich kein Messer, es schmilzt förmlich im Mund. Mit einer tiefen Verbeugung bezeuge ich meinen Respekt und Dankbarkeit für dieses Erlebnis, sehr zur Freude des Kochs.
Es wird für mich Zeit, an die Rückkehr zu denken. Tom hat mir schon geschrieben, dass die BMW wieder gebraucht wird. Doch vorher werde ich zu einem 7-Eleven-Markt fahren, die saubere Toilette und das Frühstück genießen. Mit "Kon'nichiwa" werde ich wieder begrüßt werden, und ich werde mich wieder willkommen fühlen.

Mit dem Wohnmobil in Japan
Unseren Camper, ein Toyota Camroad, mieteten wir bei Japan Campers (www.japancampers.com) in Narita, in direkter Nähe zum Flughafen. Hier kann man im Gästehaus übernachten und ausgeruht die Reise antreten. Unschätzbarer Vorteil, man spricht Englisch. Ebenso genial war der Tablett-Computer, der via Google-Maps tausende von Stell- und Campingplätzen, Sehenswürdigkeiten und Restaurants einprogrammiert hatte. Mehr benötigten wir nicht. Japan Campers bietet vom winzigen Mini-Van bis zum Alkoven-Reisemobil Fahrzeuge an. Unser Wohnmobil war trotz Wohnkabine und Alkoven ausreichend handlich und wendig für die zum Teil schmalen, japanische Straßen. Für japanische Verhältnisse ist unser Wohnmobil sehr groß, bietet uns vier erwachsenen Personen ausreichend Platz. Für europäische Verhältnisse erscheint die Ausstattung eher spartanisch, denn außer einem Kühlschrank und Waschbecken finden wir keinen Herd oder Nasszelle. Im Laufe der Reise werden wir jedoch merken, dass die Infrastruktur in Japan solche Ausstattung als fast unnötigen Luxus erscheinen lässt. Denn fast flächendeckend finden wir, für europäische Verhältnisse, unglaublich saubere Toiletten vor. Nicht nur an den kostenlosen Stellplätzen für unser Wohnmobil, sondern auch in den Raststationen der Autobahnen. Wenn man die Zustände an deutschen Autobahnen vergleicht, erkennt man, was möglich wäre. Noch dazu sind die Toiletten kostenlos. Zusätzlich bieten große Lebensmittelketten, wie 7-Eleven, Family Mart und Lawson, ebenso flächendeckend saubere und kostenlose Toiletten an.
Achtung Fettnäpfchen / Do + Don‘t
Gesellschaftliche Rituale gestalten sich in Japan zum Teil völlig anders als bei uns. Händeschütteln ist nicht gebräuchlich. Stattdessen verbeugt man sich vor einander. Je tiefer und länger, desto respektvoller. In Privathäusern werden die Schuhe am Eingang ausgezogen. Meist stehen Hausschuhe bereit. In der Toilette stehen spezielle Gummipantoffel bereit. NIE mit diesen schwarzen Gummipantoffeln den Wohnbereich betreten. Visitenkarten werden mit beiden Händen und einer Verbeugung überreicht und entgegengenommen. Die Essstäbchen, Haschi, werden wie Stifte gehalten und die Speisen dazwischen eingeklemmt. NIE Speisen aufspießen. NIE Stäbchen in den Reis stecken, Ausnahme ein Todesfall. NIE mit Stäbchen in eine Richtung oder auf Menschen zeigen, Suppen dürfen geschlürft, Miso-Suppe getrunken werden. Laute Telefonate in der Öffentlichkeit werden als unhöflich angesehen. Bargeld ist üblich. Trinkgeld geben ist beleidigend. Keine Tattoos im Onsen.
Auf die sanfte Tour / Easy Living
Ich muss gestehen, ich hatte Bedenken, ob und wie ich in Japan zurechtkommen würde. Und ich lag falsch. Großen Anteil daran hatte die grundsätzliche Zurückhaltung, Höflichkeit und Serviceorientierung der Menschen. Auch wenn es sicher Ausnahmen gibt, aber weder im persönlichen Kontakt noch im Straßenverkehr konnte ich eine egoistische Aggressivität erleben. Auch meine Besorgnis bezüglich des Linksverkehrs wurde durch die defensive und aufmerksame Fahrweise der Japaner entkräftet. Der Verkehr in Japan gestaltet sich grundsätzlich recht langsam und diszipliniert. Spurwechsel? Kein Problem. Jede Eng- oder Baustelle wird durch Arbeiter geregelt, die sich vor den ankommenden Verkehrsteilnehmern tief verbeugen. Drängeln, Nötigung, Lichthupe oder ähnliches, ein Verhalten, das bei uns gerne mit bestimmten Fahrzeugmarken in Verbindung gebracht wird, scheint unbekannt bzw. tabu zu sein. Zur Orientierung und Kommunikation bieten sich die bekannten Navigations- und Übersetzungsprogramme an. Und natürlich die Freundlichkeit und Kommunikationsbereitschaft der Menschen. Erstaunlich für ein technisiertes, dem westlichen Lebensstandard zugeneigtes Land erscheint Englisch als Sprache nicht flächendeckend verbreitet. Auch nicht in Tokio. Wer Strecke hinter sich bringen will, kommt um die mautpflichtigen Schnellstraßen und Autobahnen nicht herum. Die Mautgebühren sind recht teuer. Nicht an allen Zahlstellen kann mit Bargeld oder Kreditkarte gezahlt werden. Die so genannte ETC-Karte, die elektronisch die Durchfahrt ermöglicht, kann sich durchaus lohnen. Verwirren können die Auf- und Abfahrten auf die Autobahnen. Diese führen zum Teil von beiden Seiten auf die Fahrbahnen. Besonders entspannt stellt sich die Versorgungsfrage dar. Einkaufsmärkt wie Seven-11, Family-Mart oder Lawson haben an sieben Tagen rund um die Uhr geöffnet und findet man fast flächendeckend im Land. Das Sortiment umfasst nicht nur Lebensmittel, sondern auch Fertiggerichte wie die beliebten wie gehaltvollen Ramen-Suppen. Diese können auch vor Ort aufgewärmt bzw. mit heißem Wasser zubereitet und im Markt verzehrt werden. Öffentliche Toiletten, nach unseren Maßstäben unvorstellbar sauber und kostenlos, vervollständigen das Angebot. Ebenso findet man überall Getränke- und Snackautomaten.
Vieles anders, vieles gleich
Der Verkehr in Japan gibt keine unlösbaren Rätsel auf. Der Linksverkehr ist entspannt und rollt dahin. In Großstädten steht man gerne auch im Stau. Es gilt eine 0,0 Promille-Regel. Natürlich Helmpflicht. Das Tempolimit von 30 km/h in Seitenstraßen, 40 km/h auf Hauptstraßen, 50 bis 60 km/h auf Landstraßen und 80 bis 100 km/h auf Autobahn wird selten kontrolliert. Der fließende Verkehr pendelt sich auf einer Autobahn bei rund 100 km/h ein. Dieses Tempo fahren dann alle Verkehrsteilnehmer, auch Laster und Busse. Mit 120 bist du der Schnellste, mit 140 der absolute Outlaw. Der Japaner liebt die Mittelspur. Manche Verkehrsschilder sind anders, so das dreieckige Stoppschild, oder das Schild für Überholverbot. Ampeln hängen oft waagrecht und besitzen grüne Abbiegepfeile. Wenn diese leuchten darf man auch bei roter Ampel abbiegen. Das geht so weit, dass bei roter Ampel alle drei Richtungen grün leuchten. An Bahnübergängen muss zwingend angehalten werden, auch wenn die Schranken oben sind und kein Licht blinkt. Vorsicht ist an den Straßenrändern geboten. Hier sind metertiefe Abflusskanäle oder Stufen zu Reisfeldern normal. Hohe Randsteine und Regenwasserdrainagen findet man auch an Landstraßen. Auf dem Land findet man an Kreuzungen Bedarfsampeln, die von Autofahrern aktiviert werden müssen. Analog zu unseren Fußgängerampeln. Tanken mit Service ist neben Self-Service in Japan normal. Das Personal ist super höflich und hilft gerne. Vor dem Tanken muss man einen schwarzen Griff berühren, um eine elektrische Ladung zu erden. Die Spritsorten werden farblich gekennzeichnet: Gelb = Super, Rot = Benzin, Grün = Diesel. Am Einfachsten mit Kreditkarte bezahlen. Bei einer Panne kann man den JAF Road Service (Tel.: 0570-00-8139; oder Kurz-Nummer: #8139) rufen. Für ADAC-Plus-Mitglieder ist dieser Service kostenfrei. Die Notrufnummern: Polizei: 110; Krankenwagen/Feuerwehr: 119
Informationen auch unter: traffic-rules-in-japan
Allgemeines:
Der Staat Japan, japanisch Nippon, umfasst 6852 Inseln im ostasiatischen Pazifischen Ozean. Im Wesentlichen besteht Japan aus einer über 3000 Kilometer langen Kette von Inseln entlang der Ostküste Asiens. Die zentrale und größte Insel Honshŭ mit der Hauptstadt Tokyo stößt im Norden an die Insel Hokkaidȏ, im Süden Shikoku, Kyūshū und Okinawa. Zum japanischen Hoheitsgebiet zählen noch weitere 6847 Inseln. Die Hauptinsel Honshŭ ist etwas größer als Großbritannien. Japan liegt auf dem pazifischen Feuerring, hier schieben sich tektonische Platten übereinander. Erdbeben und Vulkanausbrüche sind nicht selten. Japan besteht zu großen Teilen aus Gebirgen, die von weiten Ebenen an den Küsten umgeben sind. Die Berge sind meist mit steilen Bergwälder recht unzugänglich. Der höchste Berg Japans ist der Fuji mit 3776 Meter Höhe. Japan liegt mit knapp 126 Millionen Einwohner auf Platz elf der bevölkerungsreichen Länder. Die meisten Menschen leben in den Großräumen von Tokyo, je nach Zählung bis zu 38 Millionen, Kyȏto und Osaka mit jeweils 20 Millionen Bewohnern.
Geschichte:
Die reichhaltige Geschichte Japans kann hier nur bruchstückhaft dargestellt werden. Circa 10.000 v.Chr. wurden die Inseln von Menschen aus Zentralasiens besiedelt. Politische Kontakte mit den heutigen China und Korea bestanden ab rund 300 n.Chr., ab neunten Jahrhundert gewannen die Kriegerfamilien an Einfluss. Die Minamoto-Familie gründet gegen Ende des 12 Jahrhundert das erste Shȏgunat. In der Zeit der „streitenden Reiche“ unterhalten Fürsten ihre eigenen Armeen mit Samurai und untergraben die Kontrolle der Shȏgune. Japan schottet sich politisch und wirtschaftlich ab, nur mit China und den Niederlanden bestehen geringe Handelsbeziehungen. Der Zusammenbruch der Shȏgunate und die Reform des Kaiserhauses stellen die Weichen für die Moderne. Japan wird eine konstitutionelle Monarchie. Nach dem ersten Weltkrieg übernimmt Japan die deutschen Gebiete in Ostasien. Japan besetzt kurzzeitig große Teile Südost- und Ostasiens. Japan kapituliert 1945 nach dem Abwurf der Atombomben durch die USA auf Hiroshima und Nagasaki. Japan ist eine gemäß der Verfassung von 1947 eine parlamentarische Demokratie mit einem Kaiser als Staatsoberhaupt ohne eigenständige Autorität in politischen Angelegenheiten.
Anreise:
In der Regel wird die Anreise per Flugzeug nach Tokio zum Flughafen Narita geschehen. Für den ca. 15-stündigen Flug aus Deutschland muss tour-retour ungefähr 1000 Euro eingeplant werden. Für die 60 Taxi-Kilometer nach Tokio werden circa 200 Euro aufgerufen. Die Alternative ist der Zug, der eine Stunde braucht und rund 35 Euro kostet. Der Transport des eigenen Motorrads dauert auf dem Seeweg mehrere Wochen und rund 1000 Euro für die einfache Fahrt, Luftfracht circa das Doppelte.
Geld:
Die japanische Währung ist der Yen. Ein Euro entspricht ca. 160 Yen bzw. 1000 Yen rund 6,30 Euro (Stand Juni 2023). Internationale Kreditkarten, z.B. Visa, werden nicht überall akzeptiert, Bargeld ist gängig. Es empfiehlt sich eine Geldbörse mit großem Münzfach mitzunehmen.
Verkehr:
Der deutsche Führerschein wird anerkannt, doch benötigt man eine zertifizierte Übersetzung, beispielsweise beim ADAC für 65 Euro. Japan fährt im Linksverkehr, benutzt aber das metrische System. Das bedeutet Wegweiser in Kilometern und Tempolimits in km/h. In Japan herrschen recht niedrige Tempolimits. In Städten zwischen 40 bis 50 km/h, auf Landstraßen 50 bis 60 km/h, Autobahnen meist 80 bis 100 km/h. Benzin ist erheblich billiger als in Europa. Wer Strecke hinter sich bringen will, kommt um die mautpflichtigen Schnellstraßen und Autobahnen nicht herum. Die Mautgebühren sind recht teuer. Nicht an allen Zahlstellen kann mit Bargeld oder Kreditkarte gezahlt werden. Die so genannte ETC-Karte, die elektronisch die Durchfahrt ermöglicht, kann sich durchaus lohnen. Verwirren können die Auf- und Abfahrten auf die Autobahnen. Diese führen zum Teil von beiden Seiten auf die Fahrbahnen.
Motorrad fahren:
Der Verkehr in Japan gestaltet sich sehr entspannt und höflich. Außerhalb der Städte ist die Verkehrsdichte recht gering. Der Zustand der Straßen ist im Allgemeinen gut bis sehr gut. Oftmals sind statt Leitplanken lediglich Stahlseile als Absturzsicherung verbaut. Die Straßenränder weisen häufig hohe Randsteine und tiefe Abflussgräben auf, oftmals überwuchert und daher fast unsichtbar.
Reisfelder liegen in der Regel ungesichert rund einen Meter tiefer als die Fahrbahn. Im Linksverkehr steht das Motorrad am Straßenrand sehr schräg auf dem Seitenständer.
Klima und Reisezeit:
Japan erstreckt sich über 3000 Kilometer, so dass unterschiedliche Klimazonen herrschen. Im Süden findet man subtropisches Klima auf Okinawa, im Norden auf Hokkaidȏ eher kalt-gemäßigtes Klima. Die Hauptstadt Tokio liegt auf der Höhe von Gibraltar. Aufgrund der Insellage kann sich das Wetter recht schnell ändern. Die Saison zum Motorradfahren beginnt im März/April zur Kirschblüte. Zu dieser klassischen Reisezeit sind alle touristischen Orte überlaufen. Und es kann in den Bergen noch sehr kalt sein. Ab Mai herrscht für die Zentralinsel das beste Reisewetter. Im Juni beginnt im Süden die Regensaison. Während es in den Niederungen um Tokio und Kyoto im Juli heiß und schwülwarm wird, sind die Temperaturen für den Norden ideal. Ab September steigt die Gefahr von Taifunen.
Informationen:
Eigentlich wäre das Japanische Fremdenverkehrsamt die erste Informationsquelle. Für mich eine Enttäuschung, da sie jegliche persönliche Information und Beratung ablehnten. Trotzdem bietet die Webseite eine Fülle an Informationen.